Worte wie Konfetti

Kolumne, erschienen 2026, Urner Zeitung

Auf dem Weg in die Kantonsbibliothek fallen mir die leuchtenden Zwischenräume der Bsetzisteine, die farbigen Ränder der Mauern und des Trottoirs auf. Nachwehen der Fasnacht. Es ist Tag der Kultur und ich leite einen Workshop, in dem ich Literatur für Primarschülerinnen und Primarschüler erfahrbar mache. Wir machen ein Wortlabor, ich erzähle eine Geschichte und wir denken spielerisch über Worte nach. 

Ich frage nach ihrem Lieblingswort. Eine zierliche Zweitklässlerin mit blonden Locken antwortet mit verschränkten Armen und trotzigem Blick: «Mein Lieblingswort ist Nein!» Sie kann etwas, was Frau möglichst früh lernen sollte, denke ich. Kinder sind ungefiltert. 
Das Wort Filter löst in mir zurzeit diverse innerliche Einerseits-Andererseits aus. Einerseits sollten wir unbedingt Filter ablegen: Die Schönheitsfilter, die uns alle gleich aussehen lassen oder Gesellschaftsfilter, die uns Anpassung und Angst einreden, andererseits brauchen wir Filter für die Medien- und Bilderflut. Einerseits bedeuten gefilterte Nachrichten Zensur und Macht, anderseits sollten Aussagen und Reden mächtiger Menschen dringend durch einen Sexismus-, Rassismus- und Gewaltfilter. 

«Welches Wort würdet ihr am liebsten laut in die Welt hinausrufen, weil es alle hören müssen?», frage ich weiter. Während ich sorgfältig rufe, wird mir liebkuschelig, Natur, Liebe und Pizza entgegengerufen. Wir suchen ein Wort, das die Kinder nur flüstern würden und danach nach einem, das sie löschen oder verbieten wollen. Sie schreiben Krieg, Gewalt, Streit und ein Haufen Schimpfwörter auf und wir streichen sie durch. Erschreckend, dass Primarschülerinnen und Primarschüler Moral und Unmoral besser kennen als die Männer, die unsere Welt regieren.
Zum Abschluss schenken wir uns gegenseitig ein Wort, indem wir es einander ins Ohr flüstern. 

Konfetti ist überall, es tanzt durch die Luft und legt sich wie ein Teppich über den Beton. Nur Stunden später, wenn die Putzwagen die Schweizer Effizienz unter Beweis stellen, wirkt es, als ob die Fasnacht nie stattgefunden hätte. Aber auch nach Wochen leuchtet vereinzelt aus den Betonzwischenräumen Spaßiges hervor oder punktet zuhause unseren Boden, weil es sich in der Kapuze versteckt hat. Mit Worten ist es genauso. Obwohl wir damit werfen wie Konfetti, hallt ihre Wirkung nach. Und plötzlich, an einem heissen Sonnentag im Juli, liegt da ein farbiger Punkt zwischen unseren Füssen.

Darum ist es gefährlich, wenn in den Medien von minderjährigen Frauen gesprochen wird, wenn es um die Epstein Affäre geht. Minderjährige Frauen existieren nicht, das ist Verharmlosung, das korrekte Wort für die Opfer ist Mädchen, es sind Kinder

Worte haben Kraft. Wir sollten einerseits so präzise und bewusst wie nur möglich mit ihnen umgehen und andererseits sollten wir tröstende, bestärkende und liebevolle Worte, genauso wie Konfetti, immer griffbereit in der Hosentasche mit uns tragen und grosszügig streuen, wenn unsere Mitmenschen sie brauchen. 

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