Göschenen steht zu Felsen, die sich über Jahre in diese Form haben schleifen oder schichten lassen, zur Landschaft, zu Pflanzen. Weil die Form des Steins wie Skulptur, das Moos, der Schatten darauf wie Zeichnung ist? Oder weil die Landschaft, dieser Felsen so vertraut ist wie ein Freund?
Göschenen steht zur Dunkelheit, zum Neonlicht und zu Geräten, die vorübergehend genutzt und gebraucht werden. Weil Veränderung Teil des Ganzen ist? Oder weil die Rohre und Schläuche sich wie freudige Zeichenstriche über den Stein ziehen?
Göschenen steht zu Improvisiertem, Hingestelltem, vorübergehend Konstruiertem und zum Schutz Eingepacktem. Zur Architektur der Personalhäuser, die das Dorfbild verändern, zu Material, das antransportiert, sorgfältig gestapelt oder abgebaut wird und zur Lücke, die durch den Abriss entsteht. Weil das Entstehen von Neuem das Abtragen von Altem voraussetzt? Oder weil diese Konstruktionen wie Skulpturen, dinghafte Präsenzen sind, mit denen wir den Raum teilen?
Wie mein Blick wandert auch die Wahrnehmung zwischen den Ebenen, zwischen Bedeutung und Bild.
Die Dazustehenden vermessen den Umfang ihrer Umgebung und das Ausmass der Veränderung im Raum. Alles scheint sich zu verändern, nur die Menschen nicht. Sie fügen sich makellos in die Farb- und Formlandschaft ihrer Umgebung ein. Oder heben sich leuchtend ab. Stehe ich dazu, obwohl ich mich abhebe und auffalle? Oder eben deshalb? Stehe ich dazu, obwohl ich darin untergehe, damit verschmelze? Oder eben deshalb?
«Zu etwas stehen» ist ein radikaler Akt. Nicht dahinterstehen und Rückendeckung geben, nicht davorstehen und schützen, sondern dazustehen, sich dazu bekennen. Es vernichtet Grenze, Zwischen, Unterscheidung. Es sagt: Ich bin Teil davon und das ist Teil von mir.
Göschenen steht zum Jetzt.
Innehalten. Momentaufnahme.
In einer Welt, die sich rasend schnell verändert, die immer schon im morgen lebt. Die nach Perfektion strebt und Zwischen und Werden nur schwer aushält. In einer Welt, in der wir uns lieber entziehen, schweigen und offenlassen, wozu wir stehen.»
Auszug aus Göschenen steht dazu
UTOPIA ist künstlerische Dokumention des Bergdorfs Göschenen, seiner Geschichte und der Veränderung, die dort durch den Gotthardtunnelbau entstehen. Sie umfasst die Werke von Chalet5 der Jahre 2019 bis 2025.