Für sie

Kolumne, erschienen 2024, Urner Zeitung

Der Himmel hängt tief, der Tag verabschiedet sich jeden Abend früher und der Betonboden ist dunkel, weil dauernass. Mein 2024 war schwierig. Nicht nur, und beruflich überhaupt nicht, aber ich habe einen Hürdenlauf an Herausforderungen und persönlichen Katastrophen hinter mir. Ich bin müde, die Erschöpfung sitzt in jeder meiner Fasern und zerrt an meinem Optimismus. 
Ich möchte es den Blättern gleichtun, loslassen, fallen und auf dem weichen Boden liegen bleiben, darin verschwinden, bis wieder Sommer ist. Ihr Orange, Gelb und Rostrot kämpfen leuchtend gegen das Grau an. Und sofort zwinge ich mich, dasselbe zu tun. 

Wäre ich 5’108 Kilometer weiter östlich geboren, was würde ich dann tun? Mir die Enttäuschung und den Schmerz von der Seele schreiben und in eine Kolumne packen? Verboten. Ins Training, die Wut in Energie transformieren? Afghanische Frauen dürfen keinen Sport machen. Sie dürfen nicht allein nach draussen, spazieren gehen und den Kopf lüften. Es ist ihnen verboten, mit Freundinnen essen zu gehen, verboten, zu tanzen. Sie dürfen nicht einmal anziehen, was sie wollen. Keine von ihnen hat eine Wohnung für sich, in die sie sich zurückziehen kann und keinen Erwartungen gerecht werden muss. Und das Schlimmste: Sie können nicht weg. Nur mit einem Mann, der das auch will, dürfen sie das Land verlassen. Alles, was mir Kraft gibt, und Freude macht, wäre mir verboten. Mit allem, was ich liebe, würde ich in Afghanistan mein Leben riskieren. 
Daran denke ich, wenn ich mich erwische, wie ich schlecht gelaunt durch mein Leben schlurfe, wie ich mich trotzig beklage und Liste führe, was mir fehlt. Wenn ich mein Glück für selbstverständlich erkläre. 

Und dann protestiere ich mit meinem Leben. 
Ich gehe mit einer unbändigen Freude schwimmen, boxen, arbeiten. Und stachle eine Diskussion an, wenn ich anderer Meinung bin. Ich putze singend meine Wohnung und koche aufwendig, nur für mich. Ich strahle den dauerbedeckten Himmel an. Ich freue mich begeistert über Sonne auf meiner Haut und trage meine langen Haare offen, glänzend und tanzend im Wind. Ich mache mich breit und nehme Platz ein. Und tobe, wüte, weine, wenn es meinem Herzen danach ist. Von Rumi über bell hooks zu Shakespeare lese ich alles, was mich brennend interessiert. Ich trage fast ausnahmslos Hosen, weil ich Röcke hasse. Ich gehe hemmungslos tanzen und laufe danach allein nach Hause. Und sage laut und deutlich nein, wenn ich nicht will. Ich gehöre zu niemandem, der sich nicht mit Haut und Haaren einlässt. Auch wenn ich ihn liebe. Und ich schreibe. Für sie. Für jede unterdrückte Frau dieser Welt. Ich schreibe und finde meine Stimme. Bis ich mir die Plattform erarbeitet habe, dass mein Schreiben etwas bewirkt.

Ich lebe, was sie nicht dürfen.
Obwohl wir gleich sind, zwischen uns gibt es keinen Unterschied.
Nur 5’108 Kilometer Luftlinie.

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