Die andere Richtung

Kolumne, erschienen 2025, Urner Zeitung

Bring einen Tisch, irgendeinen. Lass dir beim Tragen helfen. Bringt Stühle mit, Bänke, Hocker, alle die ihr finden könnt. Ein Tischtuch wäre schön, oder ein Leintuch, etwas Festliches, was auch immer sich finden lässt. Und dein Leibgericht, bringst du das mit?

Lasst uns Tisch an Tisch stellen, lückenlos den Linien entlang, die unsere Landesgrenzen markieren. Lasst uns für ein paar Stunden, wo auch immer du eben bist, alles niederlegen und uns gemeinsam hinsetzen bis es Nacht, Abend oder wieder Morgen wird. Wir bilden eine Tafel aus Tischen, so verschieden wie wir, die sich wie ein Netz um unser gemeinsames Zuhause, um diesen Planeten webt. Lasst uns dort auf Augenhöhe zusammensitzen, wo wir sonst Grenzen zwischen uns ziehen. Stell dir vor, wie das von oben aussieht, wie vielfältig unsere Tafel ist, wie es duftet. Lasst uns gemeinsam essen, unsere Leibgerichte teilen, Teller herumreichen und nach und nach Plätze tauschen und Stühle rücken. 
Und dann lasst uns einander zuhören. Ich wette, wir finden eine Möglichkeit, uns zu verstehen, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen. Nicht diskutieren, nur zuhören. Lasst uns ehrlich miteinander sein, uns erzählen, was uns beschäftigt und schmerzt, was wir erleben und fürchten. Ich glaube, lachen würden wir auch. Wenn wir ehrlich miteinander sind, werden wir merken, dass wir im Kern alle dieselben sind. Und obwohl wir uns nicht sehen können, wissen wir uns am anderen Ende, wir sitzen gemeinsam an der Tafel. 
Ich meine alle. Lasst uns jenen, die genug für uns alle haben, die damit aber lieber Raketen bauen, zerstören und ausgrenzen, einen Stuhl freihalten. An unserem Tisch finden alle Platz. Ich hoffe, sie hören dann zu, vielleicht können sie sogar mitfühlen. 
Lasst uns an unseren einfachen, aber wichtigen Tischen genauso grössenwahnsinnig sein, wie jene an den einflussreichen Tischen dieser Welt, aber in die andere Richtung. Lasst uns zusammensitzen, zusammenstehen. Ich weiss, ich weiss...aber lasst uns im Kleinen beginnen.

Erich Kästner sagte: «Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.»
Ich finde, wir sollten in die andere Richtung denken: Lasst uns Schneeball sein und Lawine werden. 

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